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[Liedermacher / Folk] Nobody Knows - Struwwelpeterlieder (2023) - Druckversion

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[Liedermacher / Folk] Nobody Knows - Struwwelpeterlieder (2023) - Tommy2Rock - 12.05.2023

[Bild: struwwelpeterlieder.jpg]


Release: 01. Mai 2023
Label: Prosodia


Tracklist:
01. Struwwelpeter
02. Die Geschichte vom bösen Friederich
03. Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug
04. Die Geschichte von den schwarzen Buben
05. Die Geschichte vom wilden Jäger
06. Die Geschichte vom Daumenlutscher
07. Die Geschichte vom Suppen-Kaspar
08. Die Geschichte vom Zappel-Philipp
09. Die Geschichte vom Hanns Guck-in-die-Luft
10. Die Geschichte vom fliegenden Robert
11. Vorspruch


Der „Struwwelpeter“ gehört – warum auch immer – zum sogenannten Klassikerkanon der Kinderliteratur. Dabei ist er alles, was zeitgemäße Menschen nicht vertreten: unbegründet autoritär, unlogisch und gewalttätig. Nobody Knows haben sich der Verse von Heinrich Hoffmann angenommen und sie musikalisch derart gewandet, dass sie in die heutige Zeit passen. Ironie ist ein treuer Wegbegleiter. Und so zappelt Philipp bis zum finalen Verschütten, ein Daumenlutscherbub wird seiner Passion und körperlichen Unversehrtheit beraubt und Katzen weinen um ein verbranntes Kind, dessen Schuhe jeder Flamme standhalten. Ist der „Struwwelpeter“ zeitgemäß? Ja, jede Auseinandersetzung mit Autoritäten ist es. Und so präsentieren Nobody Knows ein demokratisches Plädoyer in fremden Worten. (Quelle: Prosodia)


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Nobody Knows sind:
Max Heckel: Gesang, Gitarre & Violine
Ronny Heckel: Mandoline, Gitarre & Gesang
Aron Thalis: Schlagzeug & Djembe
Frederic Sachser: Bouzouki & Gesang
Marcel Storjohann: Kontrabass, E-Bass & Gesanag


Leicht bedrohlich und bedrückend klingend beginnt das neue Album "Struwwelpetergeschichten" von Nobody Knows,  während es in die Geschichtensammlung des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann († 20. September 1894) eintaucht. Dies ist nicht zufällig gewählt, denn für viele Menschen stellen die Ereignisse im "Struwwelpeter" unschöne Kindheitserinnerungen dar. Die Ansichten und Bestrafungen, die in dem Buch vorkommen, sind erschreckend und äußerst brutal. Dies ändert sich auch nicht in "Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug". Dort wird vor dem Spielen mit dem Feuer gewarnt, das hier tödliche Folgen hat. Die beiden Hauskatzen beobachten die Situation und drohen vor den Folgen, fragen aber auch nach den Eltern, die ihr Kind allein gelassen haben. Die Bestrafung des kleinen Daumenlutschers ist ein Paradebeispiel dafür, wie im Buch mit ungehorsamen Kindern umgegangen wird. Auch der Suppen-Kaspar ist wohl jedem im Leben schon begegnet und die Erwähnung seines Schicksals kennen auch heute noch viele Kinder, die ihr Essen nicht aufessen oder etwas anderes haben wollen. Dies sind nur ein paar Beispiele und wer es genauer wissen mag, der hat bei den "Struwwelpeterliedern" nun die Chance, sein Wissen aufzufrischen. Nobody Knows haben sich die Geschichten in ihrem eigenen Folk-Stil musikalisch vorgenommen und sind dabei sehr kreativ gewesen. Neben eigenen Melodien, welche die Stimmung in den Liedern sehr gut wiedergeben, haben sie auch klassische Melodien benutzt. "Die Geschichte vom Suppen-Kaspar" wird zum Beispiel von Johann Pachelbels "Kanon in D-Dur" untermalt, die viele wahrscheinlich durch "Memories" von Maroon 5 im Ohr haben werden. "Die Geschichte vom wilden Jäger" endet dafür auf die Melodie von "Grün, ja, grün sind alle meine Kleider". Diese Details machen das Album sehr abwechslungsreich und sehr vielseitig. Auch der Gesang von Max Heckel variiert von ernsten bis zu ironischen Klängen, die den Geschichten noch mehr Charakter verleihen. Abgerundet wird das Album durch die Anmerkungen zu jedem Lied und dem sehr passenden und wunderschönen Artwork des Booklets, indem auch alle Geschichten zum Nachlesen vorhanden sind. Wer den Geschichten ohne Abneigung oder schlechten Kindheitserinnerungen eine Chance gibt, wird hier knapp 35 Minuten hervorragend unterhalten.


Mein Fazit: Die Geschichten aus dem "Struwwelpeter" habe ich schon als Kind merkwürdig gefunden. Meine Eltern haben meine Geschwister und mich ohne Zwang oder Gewalt erzogen. So habe ich zwar erkannt, dass einiges als Sicherheitshinweis gut gemeint, aber weltfremd und nicht mehr zeitgemäß war. Der musikalische Rückblick durch Nobody Knows ist sehr interessant und ein Grund, sich noch einmal mit den Geschichten auseinanderzusetzen. Sie feiern die Geschichten nicht, sondern nutzen ihr Album wie eine Zeitkapsel, die zum Nachdenken und Diskutieren anregen soll. Im Booklet stehen zu allen Liedern Kommentare und Anmerkungen, was ein Pluspunkt für den Kauf des Albums in physischer Form ist. Zusammen mit dem Artwork und den Texten ergibt sich nämlich erst ein Gesamtbild, das sonst falsch interpretiert werden könnte. Musikalisch bewegen sich Nobody Knows wieder zwischen Folk und Liedermachern. Wer die Band schon kennt, wird sich sofort wohlfühlen, während neue Hörer durch die vielen Details und der Abwechslung viel Spaß an der Musik finden werden. Hat sich meine bisherige Ansicht durch das Anhören des Albums verändert? Mein Blickwinkel hat sich immerhin soweit geändert, dass ich ohne kindliche Ablehnung auf diese Geschichten schauen kann. Sie sind nun mal ein Produkt ihrer Zeit und können als Vergleich dienen, wie man früher Erziehung und Autoritäten betrachtet hat. Ein großer Fan der Geschichten werde ich wohl nie werden, aber die  "Struwwelpeterlieder" sind sehr hörenswert und zeigen mal wieder, aus wie vielen lyrischen Quellen Nobody Knows sich inspirieren lassen. Da das Album sehr kurzweilig und sehr schön arrangiert worden ist, sollte man es sich mindestens einmal im Ganzen anhören. Die Band selbst empfiehlt die Geschichten vom Daumenlutscher, Hanns Guck-in-die-Luft und die vom fliegenden Robert als Anspieltipps. Zum fliegenden Robert gibt es auch ein Video, das ihr euch hier anschauen könnt.


[Bild: bewertung4_5.png]